Nach dem Upcycling kommt das Recycling! Auch dieser oft industrielle Prozess ist ein Motor für Innovation und eröffnet Chancen für die Kreativwirtschaft. Im Wallis nutzen mehrere Akteure das Potenzial des Recyclings, um tragfähige, zirkuläre und lokal verankerte Geschäftsmodelle zu entwickeln.
Recycling ist kein Trend – es ist ein historisches Fundament der Kreislaufwirtschaft. Doch über die alltägliche Geste hinaus entwickelt es sich heute zu einem echten Hebel für Innovation, Unternehmertum und Design. Anders als beim Upcycling, bei dem der Gegenstand teilweise in seiner ursprünglichen Form erhalten bleibt, werden beim Recycling die Materialien in ihren Grundzustand zurückgeführt und in neue Produktionskreisläufe eingespeist. Der Prozess ist meist industriell oder technologisch und erlaubt die Verarbeitung grösserer Mengen. Recycling ist nicht nur ein unverzichtbares Element der Kreislaufwirtschaft, sondern auch ein fruchtbarer Boden für Kreativität – wie mehrere Walliser Projekte zeigen.
Wenn Textilrecycling zur akustischen Lösung wird
Texup verwandelt textile Abfälle in Akustikplatten für Arbeitsräume, Bildungsstätten oder Gemeinschaftseinrichtungen wie Bibliotheken, Cafeterias oder Besprechungsräume. Ziel ist es, den akustischen Komfort zu verbessern – und das im Rahmen eines zirkulären Ansatzes.
Das B2B-Modell richtet sich an die Bereiche Architektur und Innenarchitektur. Es basiert auf einem halbindustriellen Verfahren, das Baumwollverarbeitung, lokale Produktion und massgeschneidertes Design verbindet. Texup bietet damit eine innovative Alternative zur Verbrennung oder zum Export von Textilabfällen ins Ausland.


Eine zirkuläre Technologie, die neue Möglichkeiten schafft
Das Walliser Start-up DePoly hat ein chemisches Verfahren entwickelt, das PET – aus Textilien, Hartplastik oder komplexen Materialströmen – wieder in seine Grundbestandteile zerlegt. Das daraus gewonnene Material ist mit Neumaterial vergleichbar und kann ohne Qualitätsverlust wiederverwendet werden.
Die Schweizer Marke Odlo arbeitet mit DePoly zusammen, um das Recycling von Textilresten zu testen – mit dem Ziel, ein industriell umsetzbares Kreislaufmodell zu validieren.
Unterstützt von Innosuisse zeigt dieses Pionierprojekt, wie technologisches Recycling industriellen Anforderungen gerecht wird und gleichzeitig neue nachhaltige Innovationswege für Kreative eröffnet.
Vom Plastikmüll zur Designbrille
Guillaume Favre, Designer und Gründer der Walliser Marke OFWASTE, verwandelt gebrauchten Kunststoff in recycelte Polymerplatten, aus denen hochwertige Brillengestelle entstehen.
Jedes Stück ist ein Unikat. Die Verarbeitung erfolgt innerhalb eines Radius von weniger als 50 km – in Partnerschaft mit dem Brillenmacher Marcus Marienfeld. Das Resultat? Handgefertigte High-End-Brillen, bei denen Recycling mit Hightech, Handwerk und lokaler Verankerung harmoniert.


Recycling zum Lernen, Kreieren und Weitergeben
Mit Plastoc verwandelt das Coloc Atelier Kunststoffdeckel – die in der Schweiz selten recycelt werden – mithilfe eines Bindemittels auf Ökoharzbasis in Designmöbel. Über 900 geschredderte Deckel werden lokal zu robusten, ästhetischen und funktionalen Hockern verarbeitet.
Das Projekt verfolgt einen pädagogischen und engagierten Ansatz: Es sensibilisiert für Recyclingthemen durch kreatives Schaffen. Und am Ende ihrer Lebensdauer können die Hocker weiterverkauft oder erneut recycelt werden – für eine vollständige Zirkularität.
Coloc Atelier entwirft ausserdem massgefertigte Oberflächen für Architekturprojekte aus recycelten Granulaten aus Holz, Textilien oder Treber. Ein kreativer und nachhaltiger Ansatz, der das Potenzial des Recyclings erweitert – ganz im Sinne eines lokalen Denkens.



Recycling und Upcycling: zwei Ansätze, ein Ziel
Während beim Upcycling ein Teil der ursprünglichen Identität erhalten bleibt, löscht das Recycling die Spuren der Vergangenheit, um neues Material zu schaffen. Beide Methoden ergänzen sich oft und tragen zur Entstehung neuer kreativer und nachhaltiger Modelle im Wallis bei.
Von Hightech-Recycling bis hin zu handwerklichem Design zeigen die Walliser Beispiele, wie die Kreativwirtschaft diese Hebel nutzen kann, um lokale, nachhaltige und differenzierende Wertschöpfung zu generieren.
Doch Herausforderungen bleiben bestehen: Wie kann man industrialisieren, ohne den Sinn engagierter Ansätze zu verlieren? Wie lässt sich die wirtschaftliche Tragfähigkeit dieser Modelle sichern, ohne ihre Kohärenz zu gefährden? Und wie können Konsument:innen dafür sensibilisiert werden, diese Initiativen zu unterstützen, damit sie langfristig im Alltag verankert werden?
Haben Sie unseren Artikel über Upcycling verpasst? Entdecken Sie, wie die Kunst der Transformation die Walliser Designer inspiriert: „Upcycling: Die Kunst, Bestehendes neu zu erfinden“.